Kabinetten

Nolde

ABFOLGE DER AUSSTELLUNG

Nolde

 

Kabinett 1
„Eigentümlich ist die Wirkung dieser kleinen Bilder“ – Ungemalte Bilder

„Ungemalte Bilder“, so nannte Emil Nolde eine 1.300 Blätter umfassende Gruppe kleinformatiger Aquarelle, an der er bereits vor 1927 arbeitete. Die meisten entstanden allerdings in der Zeit des „Berufsverbots“, das ihm 1941 mit dem Ausschluss aus der Reichskunstkammer erteilt wurde. Nolde sah sich als urdeutscher Künstler, sympathisierte mit den Nationalsozialisten und konnte deren Ablehnung nicht nachvollziehen. Das Berufsverbot erschwerte die Materialbeschaffung. Daher zerteilte er vorhandenes Papier oder verwendete die Rückseite verworfener Aquarelle.
Meistens zeigen die „Ungemalten Bilder“ figürliche Entwürfe. Nolde nutzt Bewusstes und Zufälliges, Verständliches und Gefühltes. Ursprünglich dienten ihm die kleinen Blätter als Vorlage für Gemälde. In ihrer ganzen Vielfalt und Brillanz bilden diese Aquarelle jedoch eine eigene, unverwechselbare Werkgruppe im Œuvre des Künstlers, sie brauchen kein Pendant in Öl, um zu wirken.

Nolde
Kabinett
Junges Paar,
Aquarell
Nolde

 

Kabinett 2
„Mein Wunderland von Meer zu Meer“ – Landschaften und Meere

Im deutsch-dänischen Grenzland, von Nord- und Ostsee umschlungen, in dieser „weltfernen Landesecke“ ist Emil Nolde geboren und aufgewachsen. Die nordische Landschaft und das Meer haben ihn tief geprägt und finden sich in vielfältiger Weise in seinem Schaffen wieder.
In seinen Aquarellen greift er auf die Nass-in-Nass-Technik zurück, in der das unkalkulierbare Medium Wasser viel Raum für Zufall lässt. So ist am Anfang alles offen: Wird sich das Blatt zu einer Landschaft, einem Meer oder gar einem Fabelwesen formen? Erst im letzten Schritt entscheidet Nolde durch das Setzen kleiner Details wie beispielweise einem Bauernhaus oder einem Schiff, welche Darstellung das Blatt dominieren soll. Diese fließenden Grenzen, das untrennbare Miteinander von Meer und Landschaft, sind charakteristisch für das deutsch-dänische Grenzgebiet. Virtuos versteht es Nolde, diese Verschmelzung in seine Kunst zu übertragen.

Nolde
Kabinett
Überschwemmung,
Aquarell,
Nolde

 

Längswand
„… einen ganzen Armvoll schönster blühender Orchideen“ – Kakteen

Im Œuvre von Emil Nolde bilden die Werke mit intensiv leuchtenden Blumenmotiven eine so umfangreiche wie bedeutende Gruppe. Bislang eher unbekannt blieb der verwandte Themenkreis mit Kakteen und Orchideen. Wichtige Inspiration hierfür fand Nolde 1913/14, als er und seine Frau Ada in die Südsee reisten. Wieder zurück in Deutschland, ließen Nolde die exotischen Pflanzen nicht los, und er besuchte die „blühenden Orchideen im Botanischen Garten“ Berlin.
Durch die künstlerische Auseinandersetzung mit exotischen und tropischen Pflanzen sowie Kakteen und deren Modernität zu Beginn des 20. Jahrhunderts zogen auch in Noldes Wohnsitze in Seebüll und in Berlin Kakteen ein. Zwischen Wohn- und Esszimmer in Seebüll liegt eine Blumennische, in der von Ada Pflanzen gepflegt wurden. Dazu gehörten verschiedene Kakteen. Sie sorgten für einen Hauch Exotik in der amphibischen Landschaft des Gotteskoogs und inspirierten Noldes Kunst.

Nolde
Kabinett
Kaktus und gelbe Blüten [Opuntia],
Aquarell 1946
Nolde

 

Kabinett 3
„Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an“ – Blumen

Emil Nolde fand im Laufe der Arbeit an floralen Motiven zu seinem eigenen Stil mit den prägnanten Farben als wichtigstem Ausdrucksmittel. Der Garten ist für den Künstler eine unverzichtbare Quelle der Inspiration. Die reinen Farben, die Unregelmäßigkeiten und fließenden Übergänge, Flecken und Verläufe, überhaupt das Einbeziehen des kontrollierten Zufalls im Aquarell korrespondieren mit der Eigenheit der pflanzlichen Motive. Sie entsprechen in der bildnerischen Übersetzung dem Wesen und Erscheinungsbild der Blumen, Blüten und Blätter.
Nicht nur die Schönheit der Blumen faszinierte Nolde, ebenso bezauberte ihn ihre emotionale Wirkung, der er sogar menschliche Züge zusprach: „Ich liebte die Blumen in ihrem Schicksal: emporsprießend, blühend, leuchtend, glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend.“

Nolde
Kabinett
Reife Hagebutten,
Aquarell
Nolde

 

Kabinett 4
„Ein wenig schaute ich um mich, und dann ging es gleich an das Malen“ – Ruttebüll

Die Zeichnung begleitete die künstlerische Entwicklung Noldes von Beginn an und findet in den großformatigen Tuschpinselzeichnungen von 1909 aus Rüttebüll einen ersten Höhepunkt: „Ein wenig schaute ich um mich, und dann ging es gleich an das Malen. […] Die Natur umwerten unter Hinzufügung des eigenen Seelisch-Geistigen läßt die Arbeit zum Kunstwerk werden.“
In Ruttebüll, nahe Seebüll, erlebte er das einfache bäuerliche Leben auf dem Lande mit allen Sinnen und machte dies unmittelbar in den Tuschpinselzeichnungen sichtbar. Die große Anzahl der Werke zeugt von einer intensiven, fast seriellen Arbeit an den Motiven. Er zeichnete auf großen Blättern mit breitem Pinsel und einem variantenreichen Einsatz der Linie. In den Blättern verschmelzen die zeichnerische Linienspannung und die Struktur der Pinselschrift in dichten Schwarz-Weiß-Kompositionen. Jedes Blatt ist eine Entdeckung und vermag stets von Neuem zu faszinieren.

Nolde
Kabinett
Junge Ochsen,
Tuschpinselzeichnung,
Ruttebüll 1909
Nolde

 

Kabinett 5
„Die Menschen sind meine Bilder!“ – Portraits

In Emil Noldes umfangreichem Werk nimmt die Gattung der Bildnisse einen großen Raum ein: „Die Menschen sind meine Bilder. […] und der Klang Eurer Stimme, das Wesen Eurer Charaktere in aller Verschiedenheit, Ihr seid dem Maler Farben.“ Die Modelle seiner wenigen bezeichneten Porträts stammen aus Noldes direktem Lebensumfeld, dem Freundes- und Bekanntenkreis. Die Porträtierten zählen zu seinen Förderern und Sammlern. Immer wieder entstehen Bildnisse seiner ersten Frau Ada und seiner zweiten Frau Jolanthe.
Nolde ist kein Bildnismaler im eigentlichen Sinn. Sein Interesse an einer von der Phantasie geleiteten Malerei einerseits und an den Wesenseigenschaften der dargestellten Personen andererseits führte ihn zum freien Figurenbild. Das rein Abbildhafte war Nolde nicht wichtig, er bleibt bei seiner Gestaltungsfreiheit und erschafft die Gesichter und Menschenbilder in einer offenen, farbintensiven Formensprache neu.

Nolde
Kabinett
Frauenbildnis Jolanthe Nolde,
Aquarell um 1950
Nolde

 

Kabinett 6
„An dem Tanz… hatte ich immer meine Freude“ – Tanz

Für Emil Nolde war der Tanz Inspirationsquelle und Ausdruck der eigenen Lebenslust. „An dem Tanz als Kunstäußerung oder auch als Bewegung, als Leben, hatte ich immer meine Freude […].“ Mit dieser Begeisterung steht Nolde ganz im Zeichen seiner Zeit. Der Tanz ist ein zentrales Thema in den bildenden Künsten des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der beginnenden Moderne, ebenso in Musik und Literatur.
Auf der Suche nach entsprechenden Motiven durchstreifte Nolde mit seiner Frau Ada das Berliner Nachtleben. Nicht nur die Berliner Szenen finden Eingang in Noldes Werk. Die Skala von Noldes Tanzbildern reicht weit, von phantastisch-grotesken Tänzen über Dorftanz, Gesellschaftstanz, Ausdruckstanz, tanzende Kinder bis hin zu exotischen und kultischen Tänzen. „Der Tanz war inzwischen, wie vordem die Masken, ein kleines Kapitel meiner Kunst geworden. Weniger das Tanzen vieler, als der Einzeltanz, zur Kunst erhoben.“

Nolde
Kabinett
Tänzerin,
Aquarell
Nolde

 

ATELIER
Die religiösen Bilder: „Nicht Gott vor mir haben (…), sondern Gott in mir, heiss und heilig wie die Liebe Christi.“

Die religiösen Bilder zählen zu den bedeutendsten und zugleich zu den umstrittensten Arbeiten von Emil Nolde. Nach seiner Einschätzung entstanden 1909 die ersten Gemälde dieser Reihe, 1911/12 schuf er mit dem neunteiligen „Das Leben Christi“ das Hauptwerk. Allein die Mitteltafel „Die Kreuzigung“ ist das größte Gemälde im gesamten Œuvre Noldes. Um dieses maßgebliche Werk in der ehemaligen „Werkstatt“ Noldes ausstellen zu können, wurde der Boden um etwa einen Meter gesenkt und die Nordfenster zugemauert.
In seinen „biblischen und Legendenbildern“, wie Nolde diese Werkreihe nannte, sah er sich nicht an die genaue Wiedergabe eines biblischen Ereignisses oder kirchlichen Dogmas gebunden. Er schilderte ein persönliches, phantastisches Erlebnis, das tief in seinem Inneren geborgen war, das er „innerlich glühend“ empfand, in völliger künstlerischer Freiheit.

Nolde
Kabinett
„Grablegung“,
Gemälde 1915,
Nolde