Kabinetten

Nolde

ABFOLGE DER AUSSTELLUNG

Nolde

 

Kabinett 1
„Die Loslösung von der Scholle war erfolgt“

Die Postkarte „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ (1895) von Emil Hansen spricht vom Humor des Künstlers, der als Strichmännchen winkend aus seinem Geburtsort Nolde grüßt. Sie zeigt seine Fähigkeit, fabelhafte Geschichten zu entwickeln. Vorgezeichnet ist ihm ein Weg als Bauer. Doch der Junge setzt eine Lehre als Bildschnitzer beim Möbelfabrikanten Heinrich Sauermann in Flensburg durch. Die lavierte Bleistiftzeichnung einer Gestühlswange veranschaulicht sein geschultes Stilempfinden. Die folgende Anstellung als Schnitzer in einer Möbelmanufaktur in Karlsruhe ermöglicht Hansen die Teilnahme am Unterricht im Freihandzeichnen und Modellieren. Schließlich führt ihn sein Weg als Kunstgewerbelehrer nach St. Gallen, wo frühe Landschaften entstehen. Diese Aquarelle sind mit Bleistift vorgezeichnet und wirklichkeitsgetreu ausgeführt. 1897 deutet Hansen seine Entlassung positiv: Es ist der Sprung ins Künstlerdasein.

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Kabinett
„Schleswig-Holstein meerumschlungen!“, Aquarell,
© Nolde Stiftung Seebüll
Nolde

 

Kabinett 2
„… große Künstlernaturen finden unbeirrt ihren Weg“

Mit dem finanziellen Erfolg einer Serie von „Bergpostkarten“ geht Emil Hansen das freie Künstlertum an. An Mut mangelt es ihm nicht: „Je größer die verliehene Künstlergabe, umso weniger Ausbildung genügt […].“ Er besucht die Privatschulen von Friedrich Fehr in München und von Adolf Hölzel in Dachau. Hölzel gelingt es, Hansen für feine Naturbeobachtungen zu sensibilisieren, die ihn zu einer wesentlichen Erkenntnis führen: „[…] je weiter man sich von der Natur entfernt und doch natürlich bleibt, umso größer ist die Kunst.“ 1899 beginnt er ein Studium an der berühmten Académie Julian in Paris und führt sein Selbststudium u. a. im Louvre fort. Zu packen gibt es nach neun Monaten nicht viel: „Sonst nur ein paar Akte, Schularbeiten, hatte ich mitzunehmen, nach Modellen, die allerdings besonders schön waren: ein asketisch sehniger Italiener und eine schlankgewachsene Französin.“ Und er resümiert: „Paris hatte mir wenig nur gegeben, und ich hatte doch so viel erhofft.“

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Kabinett
Stehender weiblicher Akt, Paris 1899,
© Nolde Stiftung Seebüll
Nolde

 

Längswand
„… die hiesige Künstlergruppe ,Brücke‘ würde es sich zur hohen Ehre anrechnen, Sie als Mitglied begrüssen zu können“

Fritz Bleyl, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff gründen am
7. Juni 1905 die Künstlergruppe Brücke, der sich u. a. Max Pechstein später anschließt. Sie glauben an eine neue Generation von Schaffenden. Und Emil Nolde gehört ihrer Meinung nach dazu. Am 4. Februar 1906 lädt Schmidt-Rottluff Nolde ein, der Brücke beizutreten. Damit beginnt ein kurzes, aber spannendes Kapitel der Kunstgeschichte. Die Idee der „Jahresgaben“, die an den Unterstützerkreis der Passiven Mitglieder versandt werden, stammt vom Ehepaar Nolde. Während in den Mappen I bis III verschiedene Aktive Mitglieder jeweils ein Blatt beisteuern – an den Jahresgaben von 1907 ist Nolde mit der Radierung „Akt“ (1906) beteiligt –, sind die Mappen ab der IV. einem einzelnen Künstler gewidmet. Zusammengehalten werden alle Arbeiten von der sendungsbewussten Programmatik, die künstlerische und stilistische Entwicklung der Brücke zu präsentieren.

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Kabinett
Akt, Radierung 1906,
© Nolde Stiftung Seebüll
Nolde

 

Kabinett 3
Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff, Jawlensky und Marc in der Sammlung Nolde

Emil Nolde tritt im Februar 1906 der Künstlergruppe Brücke bei. Das Ehepaar Nolde regt u. a. die Jahresgaben, den Jahresbericht, die Passive Mitgliedschaft und die Mitgliedskarte als Holzschnitt an. Diese Maßnahmen steigern nachhaltig den Bekanntheitsgrad der Brücke. Schon am 9. November 1907 tritt Nolde aus beruflichen und persönlichen Gründen wieder aus. Graphiken der Brücke-Künstler machen einen bedeutenden Teil der Sammlung Noldes aus. Doch auch der freundschaftliche Kontakt zu Alexej von Jawlensky und Franz Marc aus dem Kreis des Blauen Reiter, der auch die jeweiligen Ehefrauen miteinschließt, manifestiert sich im Bestand der Nolde Stiftung. Ihre Kunstwerke zeigen die charakteristischen Sujets: das Gesicht bei Jawlensky, die Figur bei Klee und Tierdarstellungen bei Marc. Nolde vereint in seiner Sammlung die Werke von Künstlern, mit denen er bekannt oder befreundet ist. So legt diese Sammlung zugleich Zeugnis über das Netzwerk des Einzelgängers Nolde ab.

Nolde
Kabinett
Franz Marc, Zwei Füchse,
Gouache 1913
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Kabinett 4
„Das große, tosende Meer ist noch im Urzustand“

Das Meer fasziniert Emil Nolde Zeit seines Lebens. Aufgewachsen im meerumschlungenen Schleswig-Holstein, ist er von Kindheit an mit der Naturgewalt des Meeres vertraut. „Alles Ur- und Urwesenhafte immer wieder fesselte meine Sinne. Das große, tosende Meer ist noch im Urzustand, der Wind, die Sonne, ja der Sternenhimmel wohl fast auch noch so, wie er vor fünfzigtausend Jahren war“, schreibt er in seiner Autobiographie. 1941 sprechen die Nationalsozialisten ein Berufsverbot gegen Nolde aus. Das Verbot macht die Materialbeschaffung auf offiziellem Weg unmöglich, und er besinnt sich auf die ergiebigeren Aquarellnäpfe. Über 1300 „Ungemalte Bilder“ entstehen als immenses Spätwerk. Es sind insbesondere Entwürfe für figürliche Bilder. Doch es gibt auch Meerlandschaften, die Noldes Faszination für die Elemente deutlich spiegeln. Es sind die gespeicherten Empfindungen der Naturgewalt, die Nolde in Nass-in-Nass-Technik auf die kleinen Blätter fließen lässt.

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Kabinett
Meer mit gelber Sonne, Aquarell,
© Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 5
„… es glühte die Liebe zur heimatlichen Landschaft“

Die flache Marschlandschaft seiner Heimat im deutsch-dänischen Grenzgebiet ist ein wichtiges Thema in Emil Noldes Kunst. Er befindet nüchtern: „Unsere Landschaft ist bescheiden, allem Berauschenden, Üppigen fern, das wissen wir, aber sie gibt dem intimen Beobachter für seine Liebe zu ihr unendlich viel an stiller, inniger Schönheit, an herber Größe und auch an stürmisch wildem Leben.“ Nolde sieht die Verwurzelung in der Region als bestimmend für seinen Stil: „[…] im landgeborenen Menschen bäumten sich alle Kräfte, es glühte die Liebe zur heimatlichen Landschaft, zum Meer, zu den Blumen, den Tieren und Menschen […]. Und anstatt Auflösung suchte ich Bindung, anstatt Formzertrümmerung Zusammenfassung, anstatt Geschmack und Technisierung vertieften Ausdruck, breite Flächen und gesunde starke Farben.“ Und so malt er das Grün der weiten Fennen, das Blau der unzähligen Sielzüge, Flüsse und Seen sowie das Rot, Gelb und Orange der glühenden Sonnenuntergänge in leuchtenden Tönen.

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Kabinett
Drei grasende Kühe, Aquarell um 1950, © Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 6
„Ich liebte die Blumen in ihrem Schicksal“

Der Garten ist für Emil Nolde Rückzugsort und Inspirationsquelle zugleich. An jedem seiner ländlichen Wohnorte legt er einen Blumengarten an. Ab etwa 1917 setzt die Folge der Aquarelle mit Blumenmotiven ein. Nolde konzentriert sich auf einzelne große Blütenköpfe in leuchtendem Kolorit, kombiniert oft kontrastierende Formen und Farben: Amaryllis und Alpenveilchen, Tulpen in Rot, Orange und Lila. Exotische Pflanzen zur Steigerung surreal wirkender Kontraste findet er im Zoologischen Garten und auf der Südseereise. In ihrem Gedeihen, Blühen und Vergehen personifizieren die Blumen menschliche Empfindungen und Stimmungen und gleichen in ihrer ausdrucksstarken Individualität nahezu Porträts. „Ich liebte die Blumen in ihrem Schicksal: emporsprießend, blühend, leuchtend, glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend.“ Angeregt durch die Blumen aus seinem paradiesischen Garten auf Seebüll malt Nolde noch als über 80-Jähriger Blumenaquarelle fast bis zum Schluss.

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Kabinett
Dahlien, Herbstlaub und Hahnenkamm (rot u. rotviolett), Aquarell, © Nolde Stiftung Seebüll
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ATELIER
Die religiösen Bilder: „Nicht Gott vor mir haben (…), sondern Gott in mir, heiss und heilig wie die Liebe Christi.“

Die religiösen Bilder zählen zu den bedeutendsten und zugleich zu den umstrittensten Arbeiten von Emil Nolde. Nach seiner Einschätzung entstanden 1909 die ersten Gemälde dieser Reihe, 1911/12 schuf er mit dem neunteiligen „Das Leben Christi“ das Hauptwerk. Allein die Mitteltafel „Kreuzigung“ ist das größte Gemälde im gesamten Œuvre Noldes. Um dieses maßgebliche Werk in der ehemaligen „Werkstatt“ Noldes ausstellen zu können, wurde der Boden um etwa einen Meter gesenkt und die Nordfenster zugemauert.
In seinen „biblischen und Legendenbildern“, wie Nolde diese Werkreihe nannte, sah er sich nicht an die genaue Wiedergabe eines biblischen Ereignisses oder kirchlichen Dogmas gebunden. Er schilderte ein persönliches, phantastisches Erlebnis, das tief in seinem Inneren geborgen war, das er „innerlich glühend“ empfand, in völliger künstlerischer Freiheit.

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Kabinett
„Verkündigung“, Gemälde 1926,
© Nolde Stiftung Seebüll
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