Kabinetten

Nolde

ABFOLGE DER AUSSTELLUNG

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Kabinett 1
BLUMEN, LANDSCHAFTEN UND MEERE

Die farbgewaltigen Aquarelle mit Blumen, Landschaften und Meeren zeigen Seebüll, wie man es auch heute erleben kann. Im Sommer leuchtet der von Emil Nolde selbst angelegte Blumengarten, der ihn zu zahlreichen seiner Papierarbeiten etwa mit rotem Mohn und gelben Sonnenblumen inspirierte. Ebenso findet man die karge Marschlandschaft um Seebüll mit ihrem tief liegenden Horizont und dem hohen dramatischen Himmel in den Aquarellen wieder. Die nur wenige Kilometer entfernte raue Nordsee mit dem oftmals stürmischen Meer variiert Nolde in unzähligen Stimmungen: Brandungen, bewegte offene See, hohe Wogen und das Spiel der Wolken darüber in wechselnden Farben, teils strahlend, aber auch gedämpft. Noldes Aquarelle mit Blumen, Landschaften und Meeren sind Ausdruck einer intensiven Naturbeobachtung, verbunden mit einer tiefen Ergriffenheit und großem Respekt vor den elementaren Naturgewalten in ihrer Ursprünglichkeit.

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Kabinett
Rosa Bauernrose, violette Mohnblüten und drei Paare,
Aquarell © Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 2
ADA – „DIE BEFÄHIGSTE“
zum 140. Geburtstag von Ada Nolde
am 20. September 2019

Ada und Emil Nolde schließen am 25. Februar 1902 in Kopenhagen den Bund fürs Leben. Mit ihrem Jawort verschreibt sich Ada ganz und gar dem Gatten und seiner Welt. Nolde lebt in der festen Überzeugung, dass sein Freund nicht sein kann, wer seinem Schaffen nicht folgt. Dies gilt insbesondere für seine Liebste, wie es seine Freundin Emmi Walther einst in einem Brief formulierte: „[…] ‚nur die, die Alles, Alles im Leben der Kunst ihres Mannes unterordnen kann, ist allein die Befähigste‘.“ In einem nahezu symbiotischen Bund widmen sich Ada und Emil unentwegt Noldes Kunst. Dabei erweist sich Ada als überaus charmante und gewandte Vermittlerin mit strategischem Sinn. Aus den gemeinsamen Briefen spricht eine unerschütterliche Liebe, und in den Zeiten räumlicher Trennung wird jede Zeile mit schmerzvoller Sehnsucht erwartet. Bis zu ihrem Tod 1946 ist Ada Emils Liebste, seine Muse und Managerin und seine gleichgestellte Partnerin. Ada, „die Befähigste“, feiert am 20. November 2019 ihren 140. Geburtstag.

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Kabinett
Bildnis Ada Nolde, Aquarell
Neuerwerbung 2018
© Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 3
DIE KERAMIK DES MALERS

Es gehört zum Lebensgefühl des Expressionismus, dass Kunst und Leben eine Einheit bilden. Und so wendet sich auch Emil Nolde der Keramik zu. 1913 bemalte er eine Reihe von vorgefertigten Tellern. Dargestellt sind meist Tanzszenen, aber auch eine Gazelle, Eisbären und ein Pferd sowie ein Wilder Mann. Weiterhin entstanden Keramikplatten und Reliefkeramiken: zwei Tänzerinnen mit wirbelnden Haaren in Röckchen auf einer ornamental angelegten Pflanzenfläche. Immer schuf Nolde zahlreiche Farbfassungen und erzielte mit unterschiedlich starkem Farbauftrag neue Ergebnisse. Er stellte die Keramiken aus und verkaufte sie an Museen und Privatsammler. Allein für den privaten Gebrauch entstanden Vasen, Kannen, Schalen und ein Blumentopf. Es sind Einzelstücke, die Nolde mit pflanzlichen Motiven verziert hat. Noch heute sind sie in Seebüll: „Die Vasen erhielt meine Ada, sie stehen und gehen mit Blumen gefüllt mit uns durchs Leben, die Schalen auch. Wir liebten schöne Gegenstände.“

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Kabinett
Zwei Tänzerinnen, Reliefkeramik 1913 © Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 4
BERLIN – „VIEL AUGENREIZ WAR ALLENTHALBEN“

Emil Nolde teilte sein Leben in einsame Malsommer in Seebüll und gesellschaftlich aktives Winterleben in Berlin ein. 1910/11 entstand eine Reihe von Werken zum Großstadtleben: „[…] wir gingen auf Maskenbälle, in die Kabaretts, in den Eispalast. Und dann gings in öffentliche Lokale, wo fahl wie Puder und Leichengeruch impotente Asphaltlöwen und hektische Halbweltdamen in ihren elegant verwegenen Roben saßen, getragen wie von Königinnen. […] Ich zeichnete und zeichnete, das Licht der Säle, den Oberflächenflitter, die Menschen alle, ob schlecht oder recht, ob Halbwelt oder ganz verdorben, ich zeichnete diese Kehrseite des Lebens mit seiner Schminke, mit seinem glitschigen Schmutz und dem Verderb. Viel Augenreiz war allenthalben.“ Zudem erspürte er das „künstlerisch Beste“, ob im Deutschen Theater von Max Reinhardt, wo er den berühmten Schauspieler Albert Bassermann als Mephisto in Auerbachs Keller festhält, oder im Ausdruckstanz, wo er Mary Wigman und Gret Palucca für sich entdeckte.

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Tänzerin (rotes Kleid), Aquarell, Berlin 1910/11 © Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 5
DIE „UNGEMALTEN BILDER“

Die „Ungemalten Bilder“ faszinieren mit leuchtender Farbgewalt und reicher Phantasie. Die Folge umfasst über 1300 kleinformatige Aquarelle, die als Vorlage für Gemälde dienen sollten. Sie wurden erst spät öffentlich gemacht und eng mit der Opferrolle Emil Noldes im „Dritten Reich“ verknüpft. Die heutige Forschung entzaubert den Mythos: Das „Malverbot“ stellt sich als Berufsverbot heraus, das gleichwohl kein leichtes Schicksal ist: Mit dem Ausstellungs- und Verkaufsverbot sowie der Verwehrung der notwendigen Bezugsscheine für das Malmaterial werden dem Künstler entscheidende Grundlagen entzogen. Ebenso kann der Entstehungszeitraum der „Ungemalten Bilder“ heute deutlich vor dem Berufsverbot 1941 angesetzt werden. Noldes zweite Frau Jolanthe überliefert, dass er die Blättchen auch nach dem Krieg nur auf eindringliches Bitten vorlegte. Mag der Mythos entzaubert sein. Die „Ungemalten Bilder“ bedürfen der Aura einer Legende nicht. Ihre Virtuosität überwältigt im unmittelbaren Gegenüber.

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Kabinett
„Glückliche Familie“, Aquarell © Nolde Stiftung Seebüll
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Kabinett 6
HALLIG HOOGE – „GANZ MERKWÜRDIGE KLEINE SKIZZEN“

Über die Osterwochen 1919 führt es Emil Nolde auf die Hallig Hooge. Abgeschiedenheit und Einsamkeit ermöglichen ihm ein Überdenken seines OEuvres und intensives, ungestörtes Arbeiten. Ein wesentliches Merkmal der etwa 75 Hooge-Aquarelle ist das Zusammenspiel von Wasserfarben, Rohrfeder und Tusche. Die Bildkompositionen werden durch Farbflächen und Farbverläufe zwar angedeutet und lassen das Thema erahnen, doch noch in sehr abstrakter Form. Erst die schwarze Kontur verdeutlicht das Motiv, bewahrt aber seine Mehrdeutigkeit. Meist umfasst sie nicht die ganze Figur, sondern Körperteile, und verstärkt so die Dynamik der Bewegung. Die Motive reichen von Tanzszenen, Aktdarstellungen und Schauspiel-aufführungen bis hin zu frei erfundenen phantastischen und grotesken Wesen. Das wiederkehrende zentrale Thema ist die Beziehung zwischen Menschen, meist Mann und Frau. Die Hooge-Aquarelle entsprechen im Charakter den viel später entstehenden „Ungemalten Bildern“, ein Bezug, den Nolde selbst darlegt.

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Kabinett
„Blumenfreund“, Aquarell, Hallig Hooge 1919 © Nolde Stiftung Seebüll
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ATELIER
Die religiösen Bilder: „Nicht Gott vor mir haben […], sondern Gott in mir, heiss und heilig wie die Liebe Christi.“

Die religiösen Bilder zählen zu den bedeutendsten und zugleich zu den umstrittensten Arbeiten von Emil Nolde. Nach seiner Einschätzung entstanden 1909 die ersten Gemälde dieser Reihe, 1911/12 schuf er mit dem neunteiligen „Das Leben Christi“ das Hauptwerk. Allein die Mitteltafel „Kreuzigung“ ist das größte Gemälde im gesamten OEuvre Noldes. Um dieses maßgebliche Werk in der ehemaligen „Werkstatt“ Noldes ausstellen zu können, wurde der Boden um etwa einen Meter gesenkt und die Nordfenster zugemauert.
In seinen „biblischen und Legendenbildern“, wie Nolde diese Werkreihe nannte, sah er sich nicht an die genaue Wiedergabe eines biblischen Ereignisses oder kirchlichen Dogmas gebunden. Er schilderte ein persönliches, phantastisches Erlebnis, das tief in seinem Inneren geborgen war, das er „innerlich glühend“ empfand, in völliger künstlerischer Freiheit.

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Kabinett
„Anbetung der Könige“, Gemälde 1933 © Nolde Stiftung Seebüll
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