wissenschaftliche Veröffentlichungen

 

Nolde

FORSCHUNG

 
Die Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde besteht am 12. Juni 2016 sechzig Jahre. Mit mehr als 60.000 Besuchern jährlich kann die an der deutsch-dänischen Grenze beheimatete private Stiftung erfolgreich auf ihre 60jährige Tätigkeit zurückblicken: insgesamt besuchten bisher mehr als 4,2 Mio. Menschen das Museum mit den jährlich wechselnden Ausstellungen, um das von Ada und Emil Nolde geschaffene Gesamtkunstwerk zu erleben. Die Stiftung unterstützt und veranstaltet weltweit vielbeachtete Ausstellungen und hat zahlreiche Publikationen zu Leben und Werk Emil Noldes herausgegeben.

In der Vergangenheit gab es aber auch Fehleinschätzungen. Legendenbildungen wurden gefördert, ohne die Widersprüche in der Biographie von Emil Nolde hinreichend darzustellen. Seit Langem ist bekannt, dass Emil Nolde 1934 als dänischer Staatsangehöriger Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig wurde. Neu ist aber, dass Emil Nolde, obwohl ab 1937 als „entarteter“ Künstler verfemt und 1941 mit Berufsverbot belegt, bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches Anhänger des NS-Regimes blieb. Das belegen erste Ergebnisse einer von der Nolde Stiftung unterstützten historischen Studie über die Verbindungen Emil Noldes zum Nationalsozialismus. Darin wird auch auf die unzureichende Aufklärungsarbeit der Stiftung in den vergangenen Jahrzehnten verwiesen. Erst 2013 haben das Kuratorium und der damals neue Direktor Dr. Christian Ring damit begonnen, die Archive in Seebüll zu öffnen.

Die Stiftung sieht sich in der Verpflichtung, in der Vergangenheit entstandene Fehleinschätzungen um die Person Emil Noldes als Phänomen deutscher Nachkriegsverdrängung aufzuklären. Des Weiteren sollen neue Erkenntnisse und Rückschlüsse in die wissenschaftliche Aufarbeitung des umfangreichen Werkes eines der wohl bekanntesten deutschen Expressionisten eingebracht werden.

Die Stiftung wird alles tun, um die Person Emil Noldes authentisch und differenziert darzustellen und sein umfangreiches Schaffen aufschlussreich und zeitgemäß zu präsentieren.

 

Die Sammlung und das Archiv

Das Herzstück der Nolde Stiftung Seebüll ist die Sammlung mit dem Archiv. Die Stiftung besitzt den größten Bestand an Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen, Graphiken, Skulpturen, Keramiken und kunstgewerblichen Werken Emil Noldes weltweit. Das Archiv birgt den Nachlass Noldes mit einer umfangreichen Korrespondenz, zahlreichen Dokumenten und Fotografien. Sie ermöglichen persönliche Einblicke in das Wesen und Wirken des Künstlers. Darüber hinaus sind Sammlung und Archiv eine zentrale Forschungsstelle für den Expressionismus im Allgemeinen.

» PDF-Download „KÜNSTLER IM NATIONALSOZIALISMUS“

Bernhard Fulda, Aya Soika
Emil Nolde und der Nationalsozialismus:

Ein Künstlermythos im 20. Jahrhundert

Emil Nolde (1867–1956) war unter den in der Propaganda-Ausstellung »Entartete Kunst« 1937 verfemten expressionistischen Künstlern als einziger Mitglied in der NSDAP und wurde von vielen nationalsozialistischen Parteigrößen und Kunstsammlern sehr geschätzt. Dies setzte sich auch nach dem von der Reichskulturkammer im Sommer 1941 ergangenen Berufsverbot fort. Trotz seiner bis 1945 ungebrochenen Sympathie für den Nationalsozialismus galt Nolde nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Verkörperung des verfolgten Künstlers und seine sogenannten „Ungemalten Bilder“ als Beispiel unbeugsamer Kreativität in Zeiten totalitärer Diktatur. Im Zusammenspiel mit Ausstellungsmachern, Verlegern, Journalisten, Kunsthistorikern und Kunsthändlern gelang esNolde, seine nationalsozialistische Vergangenheit weitestgehend aus der Öffentlichkeit zu halten und vollkommen von seinem künstlerischen Werk zu trennen. Nach seinem Tod wurde dieses Vorgehen von den Nachlassverwaltern der von Nolde selbst gegründeten Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde fortgeführt. Eine wichtige Rolle spielten dabei zum einen einflussreiche Museumsdirektoren wie Carl Georg Heise (1890–1979), Alfred Hentzen (1903–1985) und Werner Haftmann (1912–1999), zum anderen die spezifische Mediendynamik und die Konventionen der Kunstberichterstattung in der deutschen Nachkriegszeit.

Dr. Bernhard Fulda untersucht im Rahmen seines Forschungsvorhabens erstmals umfassend die Beziehung Emil Noldes zum Nationalsozialismus und verbindet dies mit einer Rezeptionsgeschichte Noldes insbesondere nach 1945. Ziel ist es, die bisherige Forschung zu Künstlermythos und politischem Personenkult zusammenzuführen und Noldes Auslegung desNationalsozialismus im Kontext der kulturellen Konstruktion des künstlerischen „Genies“ zu untersuchen. Grundlage für die geplante Studie ist der reichhaltige, bislang nicht archivisch erschlossene Quellenbestand der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde. Leitfragen betreffen zum einen die Rolle der Stiftung bei der Vermittlung von Kunst und Person Emil Noldes, zum anderen die Presseberichterstattung und den weiteren medialen Kontext sowie die institutionellen Strukturen der Kunstvermittlung innerhalb der (west-) deutschen und internationalen Museumslandschaft.

Ziel des laufenden Projekts ist es, Emil Noldes Verhalten in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur in einen weiteren sozialen, kommunikativen und institutionellen Kontext einzubetten, in dem der Künstler sowohl auf Initiativen und Anregungen seiner Freunde und Bewunderer reagierte als auch versuchte, sich anhand der ihm zugänglichen Informationen und gegen die Angriffe seiner Kritiker innerhalb des nationalsozialistischen Kulturbetriebs zu positionieren. Dr. Fulda möchte versuchen, einen Beitrag zum Verständnis des Kunstschaffens, der Kunstrezeption und der Ambivalenzen nationalsozialistischer Kunstpolitik in den Jahren zwischen 1933 und 1945 zu leisten. Im Vorfeld des 60. Jahrestages der Gründung der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde 2016 und des 150. Geburtstags Noldes 2017, der mit dem 80. Jahrestag der Ausstellung „Entartete Kunst“ zusammenfällt, verspricht das Vorhaben die Entwicklung einer historisch-kritischen Perspektive auf Noldes Werk, die sich auch in zukünftigen Ausstellungen niederschlagen wird. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird die Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde im Rahmen des Projekts zudem bei der archivfachlichen Erschließung ihres Bestandes unterstützen, um den Nachlass Emil Noldes der Wissenschaft künftig leichter zugänglich zu machen.

Das Projekt wird unterstütz durch Forschungsstipendien der Alexander von Humboldt Stiftung und der Gerda Henkel Stiftung.

 

Indina Woesthoff

„Es ist immer ein Fest, wenn ein Brief von Ihnen ankommt“
Zum Briefwechsel zwischen Ada und Emil Nolde mit Gustav und Luise Schiefler

Der Hamburger Jurist und Graphiksammler Gustav Schiefler und seine Frau Luise zählten vierzig Jahre lang zu den vertrauten Freunden und Förderern Emil Noldes. So ist es denn ein seltener Glücksfall für die Nolde-Forschung, ja für die Forschung zur Kunst der Klassischen Moderne überhaupt, dass sich die Korrespondenz zwischen Künstlerehepaar und Sammlerfreunden mit annähernd 700 Briefen nahezu vollständig erhalten hat. Sie ist eine Quelle ersten Ranges, wie es nur sehr wenige zu Nolde gibt.

1906 kam Nolde erstmals in Schieflers Haus vom Hamburger Galeristen Commeter als „ähnlich wie Munch malend“ angekündigt. Die anfänglichen Vorbehalte des Sammlers gegenüber eines vermeintlichen „Nachahmers“ wichen schnell einer Begeisterung, die ihre Konstante vor allem in der technischen Bravour und der Experimentierfreudigkeit Noldes fand. „Liebe, Verständnis und Interesse“ waren grundlegend für Schieflers Kunstkennerschaft – eine Haltung, die dem Wesen und Selbstverständnis Noldes in entscheidendem Maße entsprach.

Schiefler bewunderte und respektierte die „Künstlerpersönlichkeit“ Nolde. Wie sonst nur wenige in Noldes Kreis konnte er über kleine Ärgernisse und Zwistigkeiten hinwegsehen: „(Noldes) Kunst ist eine eifersüchtige Göttin“, konstatierte Max Sauerlandt Schiefler gelang es fast immer, dieser höchsten Instanz zu opfern, und das, ohne die eigenen Standpunkte aufgeben zu müssen.

Die Korrespondenz, die ebenfalls ausführliche Briefe zwischen den Ehefrauen beinhaltet, zeigt von 1906 bis in die 1950er Jahre hinein ein lebhaftes und detailreiches Bild von Noldes Leben und Werk. Stellt man sie an die Seite von Noldes Autobiographie, so ergeben sich zahlreiche Aspekte: Datierungen von Arbeiten, Reisen und Begegnungen lassen sich nun schlüssig und teilweise neu belegen. Zusammenhänge klären sich, Erinnerungen Noldes finden die richtigen „Schnittstellen“. Erstmals ist es möglich, wesentliche Momente in Noldes Selbstdarstellung kritisch zu beleuchten und in neuem Licht zu sehen.

Der Briefwechsel wird ergänzt durch Tagebuchnotizen Schieflers sowie durch weitere Briefe und Dokumente aus den Nachlässen. Ein ausführlicher Kommentar und mehrere Register vervollständigen die zweibändige Ausgabe und lassen sie zu einem Lesevergnügen werden – nicht nur für Kunstwissenschaftler.

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