
Schlittschuhlaufen war für Emil Nolde immer ein Vergnügen: Als Kind tauchte er die mit Stricken angebundenen Schlittschuhe ins Wasser, dann – so schreibt der Maler in seiner Autobiographie – ging es sausend über überschwemmte, zugefrorene Wiesen und Wasserläufe der nordfriesischen Marsch. Als Zeichenlehrer in St. Gallen lief der 25-jährige Nolde täglich zur Entspannung Schlittschuh „mit der schönen Fernsicht über das weite Gallustal … (und) mit den Töchtern der Stadt.“ Später dann, als Nolde die Wintermonate in Berlin verbrachte, ging er gemeinsam mit seiner Frau Ada regelmäßig in den Eispalast in Charlottenburg.
Das Motiv des Schlittschuhläufers findet sich in Noldes gesamtem Werk in verschiedenen Techniken, neben Aquarellen als Bleistift-, Feder,- oder Tuschpinselzeichnungen. In der Reihe der 1.300 „Ungemalten Bilder“, die zur Zeit des Mal- und Berufsverbots unter der Nazi-Diktatur im Geheimen entstanden sind, findet sich ein Blatt mit einem Schlittschuhläufer. Nolde fängt mit wenigen malerischen Mitteln – einer vereinfachten Körpersilhouette in Nachtblau und einer robusten weißglänzenden Kufe am linken Fuß – die kraftvolle Bewegung eines Eisläufers ein.
Die junge Künstlerin Viviane Gernaert (geboren 1976) friert in ihren Stoffskulpturen schnelle Bewegungen, kraftvolle Körperhaltungen und ausdrucksstarke Gebärden ein, um einen komplexen Bewegungsablauf und eine vielschichtige Handlung in einem Augenblick höchster Spannung zu fixieren. Gleich beim Rundgang durch die Ausstellung Mit verschnürten Händen – „Ungemalte Bilder“ von Emil Nolde wählte Gernaert Noldes kraftvoll-dynamischen „Schlittschuhläufer“ zu ihrem Lieblingswerk und erkor das Blatt zur Vorlage für ihre Skulptur. Nach dieser formellen Entscheidung begann Gernaert, sich während ihrer Arbeiten an den beiden Modellen mit der Bedeutung des Motivs des Schlittschuhläufers im Werkzyklus der „Ungemalten Bilder“ auseinanderzusetzen. In Zeiten der gesellschaftlichen Ächtung, des Malverbots und Rückzugs des Malers nach Seebüll wurde der Schlittschuhläufer für Nolde zum Sinnbild für die verwehrte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Berlin und zum Sehn-suchtssymbol für die grenzenlose Bewegungsfreiheit aus unbekümmerten Kindertagen.
Diese Ambivalenz greift Gernaert in ihrer Skulptur und der Rauminstallation mit der farbigen Sockelfläche und dem dunkelblauen Hintergrund auf. Der Eislauf oszilliert zwischen Vergnügen und Gefahr, zwischen dem sicheren Gleiten und der Gefahr des Stürzens, dem Vorankommen und der Gefahr des Einbrechens (angedeutet durch die wenige Millimeter dünne blaue Farbschicht auf dem Skulpturensockel), der Bewegung und der Gefahr des Erfrierens sobald diese Bewegung aufhört, dem Gefühl der Freiheit während des Dahingleitens über das Eis und des Behindertseins – Gernaert hat ihre Figur in Stoffbahnen eingeschlagen, die Hände scheinen auf dem Rücken fixiert, die Sicht durch das verhüllte Gesicht verhindert. Das Blau im Hintergrund vermittelt zudem das Gefühl von Dunkelheit und Ungewissheit und schlägt noch einmal den Bogen zu Noldes Leben: Nur im Rückblick erscheint Noldes Mal- und Berufsverbot während der Nazi-Diktatur ein überschaubarer Zeitabschnitt von fünf Jahren. 1941 aber, als Nolde das Verbot erteilt wurde, konnte der Maler diese zeitliche Begrenzung nicht voraussehen – die Zukunft sah ausgesprochen düster und entmutigend aus. Aber Nolde widersetzt sich dem durch die Gestapo überwachten Malverbot, in dem er sich weiterhin im Verborgenen künstlerisch betätigt und seine „Ungemalten Bilder“ schafft. Nolde ist gezwungen, sich auf äußert dünnem Eis zu bewegen. Aber er bricht nicht ein, sondern die lebensbedrohlichen Umstände beflügeln ihn zu außergwöhnlichem Schaffen und der damit einhergehende Schaffensrausch befähigt den Maler, die Widrigkeiten zu ertragen und zu überstehen.
Die Präsentation von Viviane Gernaerts „Eislauf“ findet in Zusammenarbeit mit der Galerie Cream Contemporary statt, die die Künstlerin in Berlin vertritt. Cream Contemporary ist eine Galerie für zeitgenössische Kunst mit Schwerpunkten auf Malerei, Zeichnung und Skulptur.